08. Feb 2010 |
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Limmud, eine Chance Zum anstehenden Limmud Tag in Köln am 07.03.2010 “Es wird immer Juden in Deutschland geben. Die Frage aber ist, ob es hier auch immer Judentum geben wird.” Als ich diesen Satz vor mehreren Jahren zum ersten Mal von meinem nach Israel ausgewanderten Freund Awi Blumenfeld hörte, verstand ich nicht, was er meinte. Die unzähligen jüdischen Gemeinden, die seit den 90ger Jahren nur so aus dem Boden sprießen, waren nicht zu übersehen. Hier wurde eine neue Synagoge gebaut, die großen Städte wiesen funktionierende jüdische Infrastrukturen auf, dort wurde noch ein jüdisches Museum gegründet, eine weitere jüdische Schule öffnete ihre Türen, gar eine Yeshiwa gibt es nun in Berlin und seit zwei Jahren feiern wir immer wieder neue Ordinationen in Deutschland ausgebildeter Rabbiner und Kantoren. Deutschland war nach England und Frankreich die größte jüdische Gemeinde in der Europäischen Union geworden und ist bis heute die am schnellsten in Europa wachsende. Wie also konnte Awi in Anbetracht solcher Entwicklungen befürchten, dass es „Judentum“ eines Tages in Deutschland nicht mehr geben würde?
Nun obliegt es jedem selbst, seine jüdische Identität mit den von ihm gewählten Inhalten zu füllen und zu entscheiden, ob und wie er diese ausleben will. Für die Schaffung sowie das Ausfüllen einer jüdischen Identität ist jedoch die Auseinandersetzung mit jüdischen Inhalten unentbehrlich. Es ist zu befürchten, dass viele sich gegen diese Auseinandersetzung entscheiden, ohne zu wissen, wogegen sie sich dabei entscheiden.
Ausländische Teilnehmer dieser britischen Veranstaltung haben das Konzept mit in ihre Heimatländer genommen und es dort umgesetzt. So auch eine handvoll in Deutschland lebender Juden. Man organisierte sich und gründete 2005 das deutsche Pendant, Limmud.de. Das Experiment klappte: Nach Beendigung der ersten Unterrichtsstunde der Konferenz liefen hunderte unterschiedlichster Menschen diskutierend und voller Elan durch die Gänge und Räume des sonst eher gediegenen Veranstaltungsorts, das informationsgefüllte Programmheft fest umklammernd. Die Vorort erfahrene Anregung und ständige Entscheidungsnotwendigkeit, die breite Auswahl an Themen, Anzahl und Unterschiedlichkeit der Teilnehmer und Größe des Veranstaltungsorts bewirken auf jeder Limmud Veranstaltung dieselbe Dynamik, die von Bewegung, Spaß, Lebendigkeit, Spannung und gar leichter Nervosität erfüllt ist. Die zwischen den Lehrstunden bestehenden Pausen reichen nicht aus, um die während der Lehrstunden begonnenen Gespräche zu Ende zu führen. Denn der Teilnehmer steht nach jedem Workshop wieder vor der Frage, für welchen einen und gegen welche anderen Workshops er sich entscheiden soll und im welchen der vielen Räume dieser gelehrt wird. In der Regel entdeckt er mehrere parallel laufende Themen, die ihn interessieren. Am Ende einer Limmud Veranstaltung sind die Teilnehmer zwar müde, jedoch voller neuer Anstöße, die sie in der Regel dazu animieren, einander nochmals zu begegnen, weiter zu lernen oder über das Gelernte nachzudenken. Doch die Ungewöhnlichkeit dieses Konzepts liegt nicht nur in der Intensität seiner Umsetzung. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Tatsache, dass die gesamte Veranstaltung von „unten“ her -nicht von einer Institution -und aus rein ehrenamtlicher Kraft gestemmt wird. Es gibt keine „höhere“ Instanz, die die Inhalte vorgibt und für die entsprechenden Referenten sorgt. Hier ist der Einzelne gefragt. Von ihm wird ein Beitrag erwartet. Er muss zum Beispiel für die Inhalte, die an der Veranstaltung angeboten werden, für den reibungslosen Ablauf, für die Betreuung von Kindern und hilfebedürftigen Menschen, für die Verteilung der Technik, für die Dekoration der Räume und vieles mehr mit sorgen. Er muss weiter bewusst für sich die Wahl treffen, welches der Angebote er für sich wahrnehmen möchte. Auf Limmud werden andere diese Entscheidungen für ihn nicht treffen. Limmud lebt von der Leidenschaft seiner Teilnehmer. Sie bringen die Veranstaltung zum Leben. Ihnen gehört Limmud. Wenn keiner mithilft, gibt es keine Veranstaltung. Jeder Vortragende, sei er Laie oder ein Profi, erbringt seinen Beitrag ehrenamtlich. Ist er während seines Vortrages noch der Lehrende und „Gebende“, so sitzt er in der nächsten Stunde schon wieder in der Lehrstunde eines Dritten und schlüpft in die Rolle des Lernenden und des „Erhaltenden“. Jetzt anmelden: Limmud Tag Köln Sonntag, 07.03.2010, 10:00 – 21:00 Uhr Roonstraße 50, 50674 Köln Anmeldung unbedingt erforderlich. Infos & Anmeldung unter www.limmud.de/koeln Eine weitere wichtige Eigenschaft ist, dass auf Limmud keine politische Agenda verfolgt wird. Dem Teilnehmer wird lediglich versprochen, dass er einen Schritt auf seinem jüdischen Weg weiterkommt, unabhängig davon, wo er sich befindet und unabhängig davon, in welche Richtung er sich hinbewegen will. Dies entscheidet er allein. Weiter herrscht auf Limmud Vielfalt, sei es bei den Menschen, welche die Veranstaltung organisieren, sei es bei denen, die an den Veranstaltungen als Lehrer oder Lernende teilnehmen, sei es beim Inhalt, den die Teilnehmer anbieten. Innovative Programme werden gefördert – kreative, gar experimentelle Ideen sind willkommen. Festgefahrene Bahnen, Strukturen sowie auch Zäsuren existieren bei Limmud nicht. Idealer-und richtigerweise wird Limmud von einer Gruppe Menschen organisiert, die einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen, in welcher sie leben. Der Mikrokosmos in der Gruppe der Organisatoren gewährleistet es, das die Interessen aller unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen beachtet und sie durch das Programm und die Durchführung der Veranstaltung angesprochen werden. Hinter jeder Tür wird zu jeder Stunde ein anderer Aspekt des Judentums aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet. Wer so vielen Menschen ein Podium und Gestaltungsfreiheit überlässt, wird überrascht sein, welche Reichhaltigkeit aus diesen Menschen an einem einzelnen Ort zu Tage tritt. Auf die erste deutsche Limmud Veranstaltung im Jahre 2006 folgten bislang vier weitere. Insgesamt haben auf ihnen über 1800 Menschen voneinander und miteinander gelernt und ihr Judentum zelebriert. Allein für das Jahr 2010 sind vier weitere Veranstaltungen in Planung. Limmud ist heute die größte jüdische Bildungsveranstaltung im deutschsprachigen Raum. Diese Entwicklung zeigt zunächst, welches Interesse Erwachsene an jüdischer Bildung haben und zwar nicht lediglich und naturgemäß an der ihrer Kinder, sondern eben auch an ihrer eigenen. Dies unabhängig davon wie alt sie sind, welche Nationalität, welchen kulturellen Hintergrund und welche Überzeugungen sie haben. Bei manchen Teilnehmern schafft Limmud auch das Bewusstsein, dass die Aufgabe der Wissens-und Traditionsvermittlung an die jüngeren Generationen nicht nur Dritten wie dem Kindergarten, einem Jugendzentrum oder dem Studentenverband übertragen werden sollte, sondern dass diese Art der „Fremdvermittlung“ einen künstlichen Beigeschmack erhält, wenn die Eltern oder auch die Gesellschaft sich nicht aktiv daran beteiligen. Einigen Teilnehmern mag mit ihrer Teilnahme an Limmud auch klar werden, wie niedrig der jüdische Bildungsstand in Deutschland ist, eine der Folgen der Shoa. Aus dieser Unwissenheit folgt auch die „Angst“, etwas falsch zu machen und das Fernbleiben am jüdischen Diskurs. Dabei ist der jüdischen Lehre gerade eigen, dass sie auslegbar ist und vieles auch unter den Gelehrten umstritten und diskussionsfähig ist. Über Limmud finden manche Teilnehmer wieder einen Zugang zum jüdischen Leben, vielleicht auch zu mehr Selbstvertrauen. Folge hiervon wird hoffentlich eine jüdische Diskussions-und Streitkultur werden, wie sie einmal in Deutschland existierte. Durch Limmud wird weiter deutlich, dass die Menschen sich nicht vorschreiben lassen wollen, worüber sie etwas wie zu lernen haben und welcher Kategorie sie angehören. Die Vielseitigkeit bereichert und inspiriert die Teilnehmer und braucht ihnen nicht vorenthalten zu werden. Limmud zeigt die Tiefe, Pracht, Schönheit und Facettenreichhaltigkeit des Judentums und animiert dazu, sich damit zu beschäftigen. Limmud zeigt schließlich, dass unsere jüdische Gesellschaft mehr Gleichartigkeiten als Unterschiede hat und dass die Annäherung und der Austausch zwischen den Alteingesessenen und den neu Eingewanderten Programmsprache: Deutsch, Russisch, Englisch. Auszug aus dem Programm:
Wie lautet Ihr Workshop :)? sowie zwischen Andersdenkenden möglich und bereichernd sind. Limmud erinnert daran, dass man durch Geben selbst reicher wird und dass das Ausleben von Individualität kein Grund ist, sich von der Gemeinschaft zu entfernen oder ausgeschlossen zu werden. Wenn ich das nächste Mal wieder neben Awi Blumenfeld auf einer Tel Aviver Parkbank sitze, werde ich mich entspannt zurücklehnen, an den Sonnenstrahlen erfreuen und ihm antworten können: „Keine Ahnung was in hundert Jahren sein wird. Aber zurzeit ist deutsches Judentum auf einem guten Weg.
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| Aktualisiert ( Donnerstag, den 11. Februar 2010 um 09:12 Uhr ) |
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Doch nach weiteren Beobachtungen und Gedanken -und nach einem faszinierten Blick auf vibrierende und bunte jüdische Gemeinden wie in New York, London, Paris und Tel Aviv – begriff ich, was er mit seiner Äußerung meinen könnte und fand diese nicht mehr abwegig. Denn ein zweiter Blick auf die jüdische Gesellschaft in Deutschland zeigt, dass es ihr an Inhalt oder auch Tiefe fehlt. Viele in Deutschland lebende Juden sind nicht Mitglied einer Gemeinde. In manchen Städten nehmen auch die Mitglieder das Angebot ihrer Gemeinden nicht im Alltag wahr. Die meisten Synagogen sind am Schabbat nicht zur Hälfte gefüllt, zum Teil stellen Gemeinden gegen Bezahlung sicher, dass zu allen Betzeiten wenigstens zehn männliche Beter und mithin ein Minyan vorhanden ist. In vielen kleineren deutschen Städten, in denen sich in den letzten zwanzig Jahren neu eingewanderte Juden in jeweils geringer Zahl niederließen, kann schon aus logistischen Gründen keine jüdische Infrastruktur gewährleistet werden. Diese Gemeinden teilen sich Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer. Mal gibt es einen Gottesdienst, mal nicht. Die Vielseitigkeit des Judentums kann auch dort nicht dargestellt werden. Und das jüdische Museum? Ja, das hat am Samstagmittag Hochbetrieb, aber spielt das für das jüdische Alltagsleben eine Rolle?
Aus dieser Wahrnehmung heraus startete 2005 die Initiative zur ersten Lernveranstaltung „Limmud“ in Deutschland. „Limmud“ (hebräisches Verb, das zugleich für Lernen und Lehren steht, der Tradition folgend, dass Juden im Austausch und nicht alleine lernen sollen) ist zuallererst ein Konzept, welches vor 29 Jahren eher zufällig in England erfunden wurde. Eine Gruppe jüdischer Erzieher schafften ein Programm unter Nutzung des Wissens und der Fähigkeiten ihrer eigenen Teilnehmer. Heute, knapp 30 Jahre später, treffen sich jährlich über 2500 Teilnehmer jeden Alters zwischen Weihnachten und dem weltlichen Neujahr auf einem leerstehenden Universitätscampus in England und bieten einander auf fünf Tage verteilt über 900 Workshops an. Abhängig von der Tages-oder Nachtzeit werden pro Stunde zwischen 7 und 30 Workshops angeboten.
