Kategorie: Geschichten Samlung Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Shai Freedman Zugriffe: 886
Von Shai Freedman
Heute war auf alle Fälle ein ganz spannender Tag.
Schließlich hat man nicht immer die Gelegenheit, die Stadt in der man seit zwei Jahren lebt, noch einmal durch die Augen eines Touristen zu sehen.
Ein bisschen nach Rosh Haschana (jüdisches Neujahrsfest) und einen Tag vor dem Tag der Deutschen Einheit habe ich eine Berlintour gemacht.
Aber wie immer müssen wir am Anfang anfangen.
Am ersten Tag von Rosh Haschana war ich zu einem festlichen Abendessen in der Synagoge in der Joachimsthaler Straße eingeladen. Für diejenigen, die es nicht wissen, es handelt sich um eine orthodoxe Synagoge, und zu denen habe ich auch einmal gehört, vor langer Zeit. Wie jeder ordentlicher Israeli war ich natürlich zu spät aber immerhin genau pünktlich zum Essen. Im Laufe des Abends machte ich die Bekanntschaft von einer Gruppe, die gerade aus Israel "zu Besuch" war, alles Kantoren. Der Kantorenchor war nach Deutschland gekommen, um die hiesigen Gemeinden in den Feiertagen zu verstärken.
Dabei sind einige Mitglieder Vollzeitkantoren, andere wiederum singen nur halbtags. (ein halber Tag mehr als ich) Unter letzteren war auch ein sehr angenehmer Zeitgenosse, mit dem ich mich blendend unterhielt und der Abend dabei im Flug verging. Wie sich später herausstellte, arbeitet er in einer Position, über die ich hier an dieser Stelle leider nicht mehr preisgeben kann, nur soviel: für die israelische Steuerbehörde ist er ein äußerst wertvoller Mitarbeiter und sollte ihm schon einmal der ein oder andere Leser in diesem Zusammenhang kennengelernt haben, heißt dies nicht unbedingt, dass man auf der Seite der gesetzestreuen Bürgerschaft steht…
Eins führte zum anderen und am nächsten Morgen fand ich mich bei herrlichstem Berliner Herbstwetter mit zwei (eigentlich sollten es drei sein, genau wie die Tenöre, aber einem von ihnen war das Wetter nicht bekommen) Kantoren und absoluten Berlin-Anfängern am Zoo wieder.
Wie jeder gute Stadtführer nahm ich sie zu allen "hot spots" mit: Potsdamer Platz, Mauerstreifen, Mahnmal, Reichstag und natürlich Brandenburger Tor, wobei ich erst an letzterem erfuhr, dass am darauffolgenden Tag die deutsche Wiedervereinigung gefeiert werden würde – eine überdimensionale Bühne gesponsert von einem bekannten, weltweit agierenden Erfrischungsgetränkekonzern blockierte komplett die westliche Seite des Tores. Nachdem keine "hot spots" mehr übrig waren, machte ich meine Gruppe mit den wirklich wichtigen und manchmal sogar hilfreichen Insiderinformationen vertraut.
An lebenden Objekten weihte ich sie ein in die Bedeutung von roten und weißen Schnürsenkeln, die unter anderem aufgrund ihrer Wetterfestigkeit beliebten Thor Steinar Jacken und nicht zuletzt die ganz eigene, deutsche Interpretation von "New Balance". Unsere Tour beendeten wir mit einem Abstecher zum Checkpoint Charlie, wo wir über die wohl neueste große Berlin-Attraktion speziell für Israelis stolperten: die erste Deutschland-Filiale der israelischen Kaffeehauskette "Aroma" – in diesem Sinne: einen fröhlichen "Schuwpammvereinigungstag" allen!